Eine große populationsbasierte Kohortenstudie aus Schottland zeigt, dass sozioökonomische Deprivation nicht nur mit einer höheren Prävalenz von Multimorbidität und Polypharmazie verbunden ist, sondern auch mit einer rascheren Zunahme der Zahl chronischer Erkrankungen und verordneter Medikamente über die Zeit. Untersucht wurden 414.746 Erwachsene ab 51 Jahren im NHS-Gebiet Greater Glasgow and Clyde (versorgt werden dort ca. 1,2 Millionen Menschen in West-Zentral-Schottland) mit drei Erhebungszeitpunkten (2016, 2019, 2021). Der sozioökonomische Status wurde über die Dezile des Scottish Index of Multiple Deprivation (SIMD) abgebildet.
Im Jahr 2021 hatten 26,0% der Personen im am stärksten deprivierten Zehntel der sozioökonomischen Verteilung (SIMD1) fünf oder mehr chronische Erkrankungen (MLTCs), in der wohlhabendsten Zehntelgruppe (SIMD10) 13,8%. Auch die Dynamik unterschied sich: Bei Personen mit nur einer Erkrankung zu Beginn war die Progression zu hohen Multimorbiditäts-Schwellen in deprivierten Gruppen deutlich wahrscheinlicher (u. a. RR 0,62 für SIMD10 vs SIMD1 für den Übergang von 1 auf =5 Erkrankungen).
Für die Analyse der Verteilung nutzte die Studie Zero-inflated-Negative-Binomial-Modelle. Diese zeigten in den weniger deprivierten Dezilen niedrigere erwartete MLTC-Counts (2021: IRR 0,59 für SIMD10 vs SIMD1) und eine geringere Medikamentenlast (IRR ~0,90/0,91), zugleich aber geringere Odds, vollständig krankheits- bzw. verordnungsfrei zu sein (OR 0,65 bzw. OR 0,44). Die Autoren diskutieren als mögliche Erklärung Unterschiede in Versorgungs-/Diagnoseintensität und eine heterogene Verteilung innerhalb deprivierter Gruppen.
Die Polypharmazie (=5 Medikamente) folgte dem Muster: 2021 waren 47,6% in SIMD1 und 40,9% in SIMD10 betroffen.
Für die Grundversorgung unterstreichen die Daten, dass sozioökonomischer Kontext früh in Krankheits- und Therapieverläufe hineinwirkt. Insbesondere bei Patient:innen mit einer ersten chronischen Erkrankung in deprivierten Lebenslagen kann ein proaktiveres Vorgehen sinnvoll sein (Prävention, engmaschigere Verlaufskontrolle, strukturierte Medikationsreviews), wobei Unter- und Überversorgung als potenzielle Gegenpole im Blick bleiben sollten.
Quelle: Tran TQB et al.: Inequality in the accumulation of diseases and medications among older adults: a longitudinal cohort study 2016-2021. BMJ Public Health. 2025 Dec 25;3(2):e003636 (DOI 10.1136/bmjph-2025-003636).
* Bildnachweis: Zoshua Colah , 26.11.2025, Unsplash.com.
* Autor: Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, 30. Dezember 2025.
