In der ernährungspolitischen Debatte der letzten Jahre lässt sich ein vertrautes Muster beobachten: Während die Evidenz zu den gesundheitlichen Risiken ultraverarbeiteter Lebensmittel (ultraprocessed foods, UPF) stetig wächst, verschiebt sich der öffentliche Diskurs zunehmend auf Detailfragen – etwa auf angeblich „gesündere“ Varianten innerhalb dieser Produktgruppe. Was als differenzierte Betrachtung erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als strategische Vernebelung einer klaren gesundheitspolitischen Kernbotschaft: >>Der Gesamtverzehr ultraverarbeiteter Lebensmittel muss sinken<<.

Eine aktuelle Analyse im British Medical Journal bringt diese Entwicklung auf den Punkt. Die Autorengruppe um Leandro Rezende argumentiert, dass der Fokus auf „bessere“, „angereicherte“ oder „funktionelle“ ultraverarbeitete Produkte nicht nur wissenschaftlich fragwürdig, sondern politisch hoch problematisch ist. Denn er legitimiert industrielle Interessen, fragmentiert klare Präventionsbotschaften – und entlastet Entscheidungsträger von der Notwendigkeit wirksamer Regulierung.

Wenn Wissenschaft zum Feigenblatt wird

Transnationale Lebensmittelkonzerne präsentieren proteinangereicherte Snacks, vitaminisierte Getränke oder pflanzenbasierte Burger als Beitrag zu „Ernährungssicherheit“ und „nachhaltiger Innovation“. Teile der wissenschaftlichen Community liefern dafür die passenden Erzählungen: Statt Ernährungsmuster zu betrachten, wird auf Nährstoffe, Produktuntergruppen oder Reformulierungen fokussiert. So entsteht der Eindruck, das Problem liege nicht in der Ultraverarbeitung als solcher, sondern lediglich in „schlechten“ Ausprägungen davon.

Für Public-Health-Expertinnen und -Experten ist diese Entwicklung besonders unerquicklich. Denn sie verschiebt die Debatte von strukturellen Ursachen hin zu technokratischen Detaildiskussionen – genau dort, wo politische Verantwortung verdampft. Die Frage lautet dann nicht mehr, warum hochverarbeitete Produkte in nahezu allen Lebenswelten dominieren, sondern welche davon vielleicht „akzeptabel“ sein könnten.

Die unbequeme Evidenz ist längst da

Dabei ist die Datenlage eindeutig. Ultraverarbeitete Lebensmittel sind kein Randphänomen, sondern prägen in vielen Ländern bereits mehr als die Hälfte der täglichen Energiezufuhr. In über 90 von 104 Kohortenstudien ist ein hoher UPF-Konsum mit erhöhten Risiken für Adipositas, Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs, psychische Störungen und Gesamtsterblichkeit assoziiert.

Entscheidend ist: Diese Zusammenhänge lassen sich nicht ausreichend durch die Nährstoffzusammensetzung erklären. Mediationsanalysen und randomisierte Kreuzstudien weisen auf Effekte hin, die über Zucker, Fett oder Salz hinausgehen – etwa durch Zusatzstoffe, veränderte Lebensmittelmatrizes, hohe Energiedichte, geringe Sättigung oder beschleunigtes Essverhalten. Wer dennoch weiter so tut, als ließe sich Ultraverarbeitung „gesund reformulieren“, ignoriert den Stand der Forschung.

Methodische Nebelkerzen – mit politischen Folgen

Besonders kritisch ist, dass viele Studien zu sogenannten „gesunden“ UPF-Untergruppen methodisch ungeeignet sind, um politische Schlüsse zu ziehen. Häufig werden hohe und niedrige Verzehrmengen einzelner Produktkategorien verglichen – nicht aber ultraverarbeitete Lebensmittel mit ihren weniger verarbeiteten Pendants. Die Folge sind widersprüchliche Ergebnisse, die von Industrie und Politik dankbar aufgegriffen werden, um Regulierung weiter aufzuschieben.

Für die öffentliche Gesundheit ist das fatal. Denn Unklarheit in der Wissenschaft wird hier nicht zufällig produziert, sondern systematisch verstärkt – mit realen Konsequenzen für Ernährungspolitik, Prävention und soziale Ungleichheit.

Public Health: Wissen vorhanden, Handeln ausstehend

Das eigentliche Problem ist daher weniger ein Erkenntnisdefizit als ein Umsetzungsversagen. Mehr als zehn Länder haben die Nova-Klassifikation bereits in ihre Ernährungsempfehlungen integriert. Einige haben Steuern auf ultraverarbeitete Produkte eingeführt, Warnhinweise verpflichtend gemacht oder den Einsatz von UPF in Schulen eingeschränkt. Diese Beispiele zeigen: Regulierung ist möglich – politisch, rechtlich und administrativ.

Dass sie vielerorts dennoch ausbleibt, ist kein Zufall. Sie kollidiert mit wirtschaftlichen Interessen, mit dem Dogma individueller Verantwortung und mit einer Gesundheitspolitik, die sich lieber auf Aufklärung als auf Strukturveränderung verlässt.

Klartext statt Kompromissformeln

Für Fachleute aus Public Health, Gesundheitskommunikation und Politik ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: Die Erzählung von den „gesunden“ ultraverarbeiteten Lebensmitteln muss aktiv zurückgewiesen werden. Sie untergräbt Präventionsbemühungen, verwirrt die Bevölkerung und verschiebt Verantwortung vom System auf das Individuum.

Eine wirksame Botschaft lautet nicht: „Wähle die besseren Produkte.“

Sie lautet: „Echte, minimal verarbeitete Lebensmittel stärken – ultraverarbeitete insgesamt zurückdrängen.“

Solange Public Health diese Klarheit scheut, wird sich am dominanten Ernährungssystem wenig ändern. Die Evidenz liegt auf dem Tisch. Was fehlt, ist der politische Wille, sie ernst zu nehmen.

* Quelle: Rezende LFM, Martinez-Steele E, da Costa Louzada ML, Levy RB, Monteiro CA: Misleading narrative of „healthy“ ultraprocessed foods. BMJ. 2026 Jan 27;392:e087538 (DOI 10.1136/bmj-2025-087538).
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* Autor: Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, 4. Februar 2026.