Anlässlich eines Gedenksymposiums für Professor Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz Ende November 2025 an der Medizinischen Hochschule Hannover hielt die Präsidentin der Europäischen Kommission, Dr. Ursula von der Leyen, einen Festvortrag, in dem sie die bleibende Bedeutung der Ideen und des Wirkens des Verstorbenen für die aktuellen und künftigen Herausforderungen im Bereich Public Health würdigte.

Zu Beginn erinnerte von der Leyen persönlich an Schwartz als Visionär, „einer, der das ‚Noch nicht Gedachte‘ dachte“, als Lehrer, Mentor und Wegbereiter. Sie schilderte eine prägende Episode aus ihrer eigenen Public-Health-Studienzeit: Sie sei damals gerade schwanger gewesen und habe ein obligatorisches, gut dreimonatiges Praktikum absolvieren müssen – ausgerechnet im Zeitraum rund um den Geburtstermin. Sie habe erwogen, aufzugeben und um ein Jahr zu verschieben. Schwartz habe jedoch eine pragmatische und zugleich vorausschauende Lösung angeboten: ein Praktikum in einem Forschungsprojekt „vom Computer aus“, in dem gemeinsam mit anderen europäischen Universitäten und Kanada der Aufbau eines webbasierten Seminars erprobt wurde. Das klinge heute banal, sei aber Mitte der neunziger Jahre gewesen, als das Internet für die meisten Menschen noch Neuland war. Für Schwartz nicht: Er habe mit- und vorausgedacht, Probleme lösen wollen – „pragmatisch und unprätentiös“, und auch die Probleme „einer einfachen Studentin“. Das Praktikum habe remote funktioniert, „und das Kind ist gleichzeitig heile auf die Welt gekommen“. 

Über diese persönliche Erinnerung hinaus betonte die Kommissionspräsidentin die ethischen und sozialen Überzeugungen, die Schwartz geleitet hätten. Für ihn habe „immer die Gesundheit der Bevölkerung durch gute Versorgung und gute Prävention“ im Mittelpunkt gestanden, auf der Grundlage von Vernunft und Evidenz. Er sei überzeugt gewesen, dass jedes individuelle Leben zähle, dass alle Menschen die gleichen Chancen auf ein gesundes Leben haben müssten – auf Würde und Sicherheit – und dass man deshalb besonders diejenigen in den Blick nehmen solle, die es schwerer haben als andere. Das sei für ihn eine Frage der Gerechtigkeit gewesen. 

Vor diesem Hintergrund weitete von der Leyen den Blick auf die globale Lage. Sie verwies auf Fortschritte der letzten Jahrzehnte: Die Müttersterblichkeit sei zwischen 2000 und 2023 um 40 Prozent gesunken, die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren habe sich im selben Zeitraum halbiert; die Pocken seien ausgerottet; Impfstoffe gebe es gegen mehr als 30 lebensbedrohliche Krankheiten; und Impfungen hätten laut WHO in den letzten 50 Jahren mehr als 150 Millionen Leben gerettet. Diese Zahlen gäben Zuversicht, „und auf diese Erfolge können wir stolz sein“. Gleichzeitig werde dieser Wille zum Besseren stark strapaziert: Kriege und geopolitische Instabilität verbreiteten Hunger und Krankheiten; Klimawandel und Umweltzerstörung erhöhten das Risiko einer weiteren globalen Pandemie; Hilfs- und Impfprogramme würden weltweit von einem Tag auf den anderen gestrichen oder zurückgefahren; und Desinformation gefährde den globalen Fortschritt bei der Bekämpfung von Seuchen wie Masern oder Polio. Man müsse ernsthaft fürchten, dass mühsam errungene Erfolge zurückgedreht werden. 

Ausgehend von der Frage, was Professor Schwartz heute dazu sagen würde, entwickelte die Rednerin vier Säulen, die aus ihrer Sicht zu stärken seien: globale Verantwortung, Weitblick, Innovationskraft und Vertrauen. 

Die erste Säule, globale Verantwortung, leitete sie aus der Erfahrung der COVID-19-Pandemie ab. Wer heute die Menschen im eigenen Land schützen wolle, müsse global denken – mehr denn je. Sie erinnerte an die ersten Wochen der Pandemie, in denen einzelne EU-Mitgliedstaaten um Atemschutzmasken, Handschuhe und Schutzanzüge konkurriert und Exportverbote innerhalb der EU ausgesprochen hätten. Mit voller Kraft habe man die Pandemie erst bekämpfen können, als diese Fragmentierung überwunden worden sei – indem Fairness an die Stelle von Egoismus getreten sei und Europa auch andere Teile der Welt mit Impfstoffen versorgt habe. Europa sei „der einzige Kontinent“ gewesen, der Impfstoffe produziert und dabei „durchgehend Exporte in die ganze Welt zugelassen“ habe. Ihre Lehre daraus formulierte sie grundsätzlich: Kooperation und Solidarität seien Teil des Betriebssystems guter Gesundheitspolitik und keine App, die man nach Belieben löschen könne. 

Konsequent daraus folge der Auftrag, die weltweite Gesundheitsvorsorge zu stärken. Europa und seine Mitgliedstaaten seien „als Team Europe“ die größten finanziellen Beitragszahler der WHO; für die nächsten drei Jahre stelle Team Europe gut 680 Millionen Euro bereit. In der Impfallianz GAVI engagiere sich die EU mit 2 Milliarden Euro. Und im Kampf gegen AIDS, Tuberkulose und Malaria habe man nach der Pandemie noch einmal verstärkt; zusammen sei Team Europe einer der Hauptgeldgeber des Global Fund mit 4,3 Milliarden Euro. Darüber hinaus arbeite man an einer neuen „Global Health Resilience Initiative“, unter anderem mit dem Ziel, Polio weltweit vollständig zu besiegen und Lieferketten für medizinische Schutzmaßnahmen in Krisen aufrechtzuerhalten. Zugleich müsse Verantwortung heute anders definiert werden: Weg vom reinen „Geber“ hin zum „Ermöglicher“, durch Finanzierung, Technologietransfer und Kapazitätsaufbau, damit Länder in Afrika, Asien oder Lateinamerika selbst Impfstoffe und Medikamente, Therapeutika, Diagnostika und Medizinprodukte entwickeln und produzieren können. Als Beispiel nannte sie die Infrastrukturinitiative Global Gateway: In Ruanda baue BioNTech eine mRNA-Impfstoffproduktion auf – mit Unterstützung der EU und Deutschlands; Ähnliches gelte für Ghana, wo auch Forschungskapazitäten aufgebaut und Studierende ausgebildet würden, unter Beteiligung der Charité. Nachwuchsforscherinnen und -forscher entwickelten dort gemeinsam einen Impfstoffkandidaten gegen das Kumasi-Rhabdovirus, das in Fledermäusen in Westafrika vorkomme. Vergleichbare Ansätze würden unter anderem in Nigeria, Südafrika oder Senegal gefördert und Kooperationen mit Lateinamerika ausgebaut. 

Die zweite Säule, Weitblick, bezog von der Leyen vor allem auf die gesundheitlichen Folgen von Klimawandel und Naturverlust. Diese verschärften die Gefahren für Gesundheit und Sicherheit und würden das Leben kommender Generationen stark beeinflussen, „sie tun es ja jetzt schon“. Als konkretes Signal nannte sie die Hitzewellen, die 2022 in Europa über 60.000 Menschen getötet hätten. Krankheitsüberträger wie Tigermücken oder Zecken breiteten sich weiter aus; in Europa gebe es inzwischen Ausbrüche von Dengue-Fieber und dem West-Nil-Virus. Gerade in einer Zeit, in der es Tendenzen gebe, den Klimawandel auszublenden, sei es wichtig, diese Tatsachen zu benennen. Neben Klima- und Naturschutz sei deshalb Vorsorge unabdingbar: Bedrohungen früh erkennen, Diagnostika, Impfstoffe, Therapeutika und Schutzausrüstung schnell bereitstellen, Vorräte für Basismedikamente anlegen. Sie schilderte als Lernmoment aus der Pandemie, erst damals erfahren zu haben, dass Paracetamol ausschließlich in Indien hergestellt werde, also von einem einzigen Lieferanten – und dass Europa „ohne Paracetamol“ dagestanden habe, als Indien die Ausfuhr einschränkte. Als Antwort habe Europa die Gesundheitspolitik ins Herz der europäischen Politik gerückt, eine Europäische Gesundheitsunion gebaut und HERA gegründet, die europäische Agentur für Krisenvorsorge und -reaktion bei gesundheitlichen Notlagen, angelehnt an das Prinzip „DARPA for health“. Genannt wurden unter anderem Abwasserüberwachung, ein Netz von bereitstehenden Impf-Produktionsstätten, die skalieren können, und das Ziel, für neu auftretende potenzielle Erreger nach 100 Tagen einen Impfstoff zu haben – sicher, wirksam und global zugänglich. Auch die seit Anfang der 2010er Jahre kontinuierlichen Investitionen Europas in die Forschung und Entwicklung von mRNA-Technologien hätten sich ausgezahlt, weil dadurch Impfstoffe so schnell entwickelt werden konnten. 

Die dritte Säule, Innovationskraft, verankerte sie besonders in der künstlichen Intelligenz. Sie sagte, sie habe nie mit Professor Schwartz über KI gesprochen – damals sei vieles unvorstellbar gewesen -, aber sie könne sich vorstellen, dass er die technologische Revolution konstruktiv begleitet hätte. KI sei in der EU noch ungleichmäßig verbreitet, die Umsetzung zu langsam; man müsse schneller werden. Deshalb habe die EU im Oktober eine neue Strategie auf den Weg gebracht, die die Anwendung von KI in Schlüsselindustrien einschließlich des Gesundheitswesens vorantreibe. Genannt wurden ein Netzwerk KI-gestützter Screening-Zentren zur früheren Erkennung von Krebs sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Entwicklung von Richtlinien und Best-Practice-Beispielen für KI im Gesundheitsbereich sowie ein Wettbewerb, um mittels KI schneller neue Medikamente gegen seltene und schwer zu heilende Krankheiten zu finden; als Beispiel nannte sie ein Pharma-Unternehmen in Spanien, das auf diese Weise ein neues Medikament gegen die Huntington-Krankheit entwickle. Gleichzeitig müsse man die Prinzipien Sicherheit, Verantwortung und Vertrauen stärken und gewährleisten, dass fundamentale Rechte der Patientinnen und Patienten und ihre Daten geschützt bleiben. In dieser Logik formulierte sie als Mahnung, die sie Professor Schwartz zuschrieb: Innovation müsse dem Menschen dienen und nicht umgekehrt; Technologie sei nur so gut wie das Gute, das sie bewirken könne. 

Damit leitete sie zur vierten Säule über: Vertrauen. Der Informationsraum sei zum Schlachtfeld geworden; Fehlinformation, Desinformation, Manipulation und Einflussnahme machten vor der Gesundheit nicht halt. Zweifel an medizinischen Erkenntnissen und Errungenschaften würden rasend schnell verbreitet, Ängste vor Krankheiten geschürt. Als Beispiel nannte sie russische Netzwerke, die während der Pandemie „blanke Lügen“ über westliche COVID-Impfstoffe gestreut hätten. Die Akteure seien vielfältig, oft nicht klar erkennbar, das Ziel aber gleich: Verunsicherung schaffen und Gesellschaften spalten. Es entstehe eine toxische Mischung, die Vertrauen zersetze. Schwartz würde das umtreiben, so von der Leyen; er würde ermutigen, auf Evidenz zu pochen und gegen Desinformation zu kämpfen. Sie erinnerte daran, dass Schwartz leidenschaftlich für evidenzbasierte Gesundheitsförderung und Prävention gestritten habe, wissenschaftliche Standards als Maßstab, und dass für ihn als Begründer der ersten Patientenuniversität gute Information entscheidend gewesen sei, damit Menschen autonom und auf Basis von Wissen entscheiden können. Daraus leitete sie die Aufgabe ab, Vertrauen in Institutionen, Wissenschaft und verlässliche Information zu stärken. 

Als Beispiel nannte sie den Streit um HPV-Impfungen, bei dem immer wieder Ängste geschürt würden, unter anderem durch KI-generierte Fake-Videos oder Social-Media-Posts von Ärztinnen und Ärzten, die vor angeblich schweren Folgen warnten. Man könne und müsse dagegen angehen, so von der Leyen, und verwies auf Irland: Dort seien die Impfraten vor einigen Jahren massiv zurückgegangen, weil systematisch Falschinformationen verbreitet worden seien. Eine gemeinsame Kraftanstrengung habe das Ruder herumgerissen: staatliche Institutionen hätten aufgeklärt, Expertinnen und Experten hätten sich Zeit für Eltern genommen, und eine junge Frau, die unter Gebärmutterhalskrebs litt, habe über Social Media mit großer Kraft für die Impfung geworben. Heute seien 84 Prozent der Mädchen unter 15 Jahren geimpft; ähnliche Erfolge gebe es in den Niederlanden oder Dänemark. 

Für die EU beschrieb sie eine dreistufige Vorgehensweise: erstens „vor die Welle kommen“, also mögliche Kampagnen entdecken, bevor sie zur Welle werden, damit Menschen die Fakten kennen; zweitens schnell handeln, indem unabhängige Faktenprüfer und Expertinnen zusammengebracht würden, um Lügen und Manipulation zu entlarven, und indem zuverlässige Informationen bereitgestellt würden; drittens Kompetenzen stärken, damit Menschen irreführende Informationen selbst erkennen können. Gerade Gesundheitsfachkräfte und Lehrende könnten Desinformation wirksam entgegentreten. 

Zum Schluss verwies von der Leyen auf Wissenschaftsfreiheit als Standortfaktor. Vor einem halben Jahr habe sie in diesem Saal über die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit gesprochen; der Feldzug dagegen gehe weiter. Zugleich zeige sich Europas Magnetkraft: Die Initiative „Choose Europe“ solle Forscherinnen und Forschern ein Zuhause bieten, und der Erfolg spreche für sich. Sie nannte einen „Run“ auf Postdoktorandenstipendien mit einem Anstieg der Bewerbungen um 64 Prozent auf mehr als 17.000; bei Nachwuchsforschenden der Spitzenklasse gebe es 4.807 Vorschläge, rund 1.350 davon aus Ländern außerhalb der Europäischen Union, ein bemerkenswerter Anstieg um 55 Prozent; und auch bei den Advanced Grants zeige sich ein ähnlicher Trend mit nahezu vervierfachten Bewerbungen aus dem nicht-europäischen Ausland. Diese Zahlen seien ein Zeichen der Hoffnung: Europa habe Wissenschaftsfreiheit immer verteidigt; sie treibe Innovation voran und ermögliche gute politische Entscheidungen. 

Veranstaltungshinweis: Der Festvortrag von Kommissionspräsidentin von der Leyen fand im Rahmen des Symposiums „Public Health – Forschen, Lehren, Zukunft gestalten – von der Idee zur Gestaltungskraft im Gesundheitswesen“ zu Ehren von Professor Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz (1943-2024) an der Medizinischen Hochschule Hannover am 27.11.2025 statt. Neben dem Festvortrag umfasste das Programm weitere Fachvorträge und eine Podiumsdiskussion. Die Veranstaltung stand allen an Public Health Interessierten offen und bot Raum für fachlichen Austausch und Begegnung.
Autor: Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, 12. Dezember 2025.