Impfungen als Umsetzungsproblem

Impfung

Warum bleiben Impfquoten trotz klarer Datenlage unzureichend? Der Beitrag analysiert Impfprävention als Umsetzungs- und Infrastrukturproblem im Gesundheitssystem. „Public Health scheitert häufig nicht an fehlendem Wissen, sondern an der mangelnden Übersetzung von Wissen in Routineversorgung.“ Prävention werde zudem oft „zu einer zusätzlichen Aufgabe im Versorgungssystem, nicht zu dessen zentralem Organisationsprinzip.“

Impfungen gehören zu den wirksamsten präventiven Maßnahmen der Medizin. Gleichzeitig zeigt sich gerade an Influenza-, Zoster-, RSV- und COVID-19-Impfungen ein typisches Public-Health-Problem: Zwischen vorhandener Evidenz und tatsächlicher Umsetzung klafft eine erhebliche Lücke. Obwohl Risikogruppen klar definiert, Impfstoffe verfügbar und die meisten Impfungen organisatorisch vergleichsweise einfach sind, bleiben die Impfquoten in Deutschland seit Jahren unzureichend.

Beim 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin wurde dieses Spannungsfeld aus verschiedenen Perspektiven sichtbar. Aus kardiologischer Sicht wurde erneut deutlich, dass Folgen respiratorischer Infektionen weit über klassische Atemwegserkrankungen hinausgehen. Nach Influenza- oder RSV-Infektionen steigen unter anderem Risiken für Myokardinfarkt, Herzinsuffizienzdekompensation, Rhythmusstörungen und Schlaganfall. Für die Influenzaimpfung liegen randomisierte Daten vor, die bei Hochrisikopatienten eine Reduktion kombinierter kardiovaskulärer Endpunkte und der Mortalität zeigen. Prävention bedeutet hier nicht nur Infektionsschutz, sondern auch die Vermeidung nachfolgender Ereignisketten mit Hospitalisierung, Rehabilitation und Pflegebedarf.

Evidenz ist nicht das Hauptproblem

Auffällig ist, dass die Defizite kaum noch durch fehlende Evidenz erklärbar sind. Für mehrere Impfungen liegen inzwischen sowohl klinische als auch gesundheitsökonomische Daten vor, die auf einen relevanten Nutzen insbesondere in Hochrisikogruppen hinweisen. Ein aktuelles Review im Bundesgesundheitsblatt (DOI 10.1007/s00103-025-04022-8) beschreibt Influenza- und SARS-CoV-2-Impfungen bei vulnerablen Gruppen überwiegend als kosteneffektiv, teilweise sogar als kostensparend. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass Modellierungen indirekte Effekte wie vermiedene Folgeerkrankungen oder Systementlastung häufig nur unvollständig erfassen.

Auch die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, welches Potenzial breit implementierte Impfprogramme grundsätzlich entfalten können. Modellierungen des Imperial College gehen davon aus, dass im ersten Jahr der globalen Impfprogramme Millionen Todesfälle verhindert wurden. Für Deutschland schätzte das RKI bereits in einer frühen Phase der Impfkampagne eine deutliche Reduktion von Hospitalisierungen, Intensivbehandlungen und Todesfällen.

Das eigentliche Problem: Umsetzung

Damit rückt weniger die Frage nach der grundsätzlichen Wirksamkeit in den Vordergrund als die Frage nach ihrer Umsetzung. Public Health scheitert häufig nicht an fehlendem Wissen, sondern an der mangelnden Übersetzung von Wissen in Routineversorgung. Genau hier entstehen die Reibungsverluste.

Der Aufwand für Impfprogramme fällt lokal in Praxis und Klinik an: Impfstatus prüfen, Recall organisieren, aufklären, dokumentieren, Lagerhaltung sichern, Teams koordinieren. Der Nutzen verteilt sich dagegen über viele Bereiche des Systems hinweg – auf Krankenkassen, Kliniken, Pflege, Reha, Arbeitgeber und Angehörige. Prävention produziert damit gesellschaftlichen Nutzen, aber oft nur geringe institutionelle Aufmerksamkeit.

Prävention als Infrastrukturfrage

Hinzu kommt eine Versorgungslogik, die akute und interventionelle Medizin strukturell stärker sichtbar macht als verhinderte Erkrankung. Die stationäre Aufnahme, die Intensivbehandlung oder die Versorgung von Komplikationen erscheinen unmittelbar relevant und abrechenbar. Die vermiedene Hospitalisierung bleibt dagegen unsichtbar. Prävention wird dadurch leicht zu einer zusätzlichen Aufgabe im Versorgungssystem, nicht zu dessen zentralem Organisationsprinzip.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Diskussion über Impfquoten zunehmend wie ein Problem der Implementierungsforschung: Wer ist tatsächlich verantwortlich? Welche Routinen funktionieren? Welche regionalen Versorgungslücken bleiben unsichtbar? Und welche Anreizsysteme fördern Prävention tatsächlich? Solange diese Fragen nicht systematisch beantwortet werden, dürfte Unterversorgung selbst dort bestehen bleiben, wo Prävention medizinisch sinnvoll, organisatorisch möglich und gesundheitsökonomisch plausibel ist.

Autor
• Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, 18.5.2026.
Bildnachweis
• Foto von CDC auf Unsplash.
Quellen
• Symposium „Behandlung beginnt bei der Prävention“ im Rahmen vom 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin: „Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin“. Wiesbaden, 19.4.2026.
• Watson OJ, Barnsley G, Toor J, Hogan AB, Winskill P, Ghani AC. Global impact of the first year of COVID-19 vaccination: a mathematical modelling study. Lancet Infect Dis. 2022;22(9):1293-1302 (DOI 10.1016/S1473-3099(22)00320-6).
• Klimek P. Cost effectiveness of vaccinations: on the complexity of health economic analyses of influenza, SARS-CoV-2 and RSV vaccination. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2025;68(4):451-457 (DOI 10.1007/s00103-025-04022-8).